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Miriam Hamann – The ongoing Sequence


Miriam Hamanns künstlerische Praxis liegt in der Untersuchung immaterieller Materialien. In früheren Arbeiten beschäftigte sie sich etwa mit Klang oder Licht und deren Auswirkung auf die Erfahrung und Veränderung des sie umgebenden Raums. In der Ausstellung The ongoing Sequence befasst sich Hamann nun mit einer anderen Größe, die unsere Wahrnehmung maßgeblich bestimmt, nämlich der Zeit. In den präsentierten Arbeiten reflektiert sie verschiedene Modi der Zeitmessung und legt die Paradoxie eines als normativ geltenden Zeitbegriffs offen.

In der Installation A matter of time nimmt Hamann Bezug auf die Erdrotation als Ursächlichkeit des Zeitverlaufs. Sie visualisiert das Fortschreiten der Zeit in Form einer Lichtschiene, die sich entlang eines zylindrischen Metallrahmens bewegt. Über den Verlauf der Zeit sind wir am ehesten in der Lage, Zeit zu erfassen. Die Lichtschiene rotiert aber entsprechend eines „galaktischen Jahres“ – der Zeitspanne, die das Sonnensystem braucht, um ihr Zentrum zu umrunden. Dies entspricht 225 Millionen Erdjahren, was eine Wahrnehmung ihrer Bewegung für das menschliche Auge gänzlich unmöglich macht. Dass das Prinzip der natürlichen Zeitbestimmung anhand des Sonnensystems durch die Präzision der Technik überholt wurde, macht eine Auswahl an Siebdrucken aus der Werkgruppe Not every minute contains 60 seconds deutlich. Die Serie zeigt die Anzahl der Sekunden eines gesamten Jahres im kleinstmöglichen Raster des Siebdruckverfahrens. Durch die immer exaktere technische Zeitmessung wurde deutlich, dass die Rotation der Erde nicht konstant und die Sonnen- und die Weltzeit asynchron verlaufen. Die sich daraus ergebende „überschüssige“ Zeit, die nach Bedarf durch eine so genannte Schaltsekunde mit der koordinierten Weltzeit wieder in Einklang gebracht wird, visualisiert Hamann als kaum erkennbaren Punkt auf einem eigenen Druckbogen. Der Widerspruch, der sich in der Vorstellung von Zeit als konstant linear verlaufende Größe und dem Ergebnis ihrer Messung ergibt, wird auch in der Skulptur 50 Hz thematisiert. Sie richtet sich nach jener Zeitmessung, die auf der Frequenz des elektrischen Wechselstroms beruht. Durch Frequenzschwankungen bedingte Abweichungen werden hier permanent mit der Atomzeit ver- und ausgeglichen. Am Stromnetz angeschlossen bringt ein Transducer die Arbeit, die sich in ihrer formalen Gestaltung an einen abstrahierten Uhrzeiger anlehnt, analog zur aktuellen Netzfrequenz in Schwingung. In all ihren Arbeiten in The ongoing Sequence hinterfragt Miriam Hamann die technisch gemessene, standardisierte Zeit als künstlich geschaffenen Rhythmus, der unsere Lebensrealität bestimmt und in Einheiten gliedert, und zeigt, dass ein scheinbar absoluter Zeitbegriff durchaus zur Diskussion gestellt werden kann.

Text: Barbara Pflanzner
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